"Ich bin von Beruf Udo Lindenberg!"

- Udo Lindenberg
Mit seinem neuen Album "Stark wie zwei" hat Udo Lindenberg (62) das beeindruckendste Comeback der letzten Jahre hingelegt. Der Mann, der in den frühen siebziger Jahren der deutschen Sprache in der Rockmusik zum Durchbruch verhalf, scheint vitaler denn je. Inzwischen begeistert der Meister des gradlinigen, nöligen Songs drei Generationen. Guten-Morgen-Hamburg hat mit ihm zwei entspannte Stunden verbracht.
Wir sitzen in der Bar des Hamburger Atlantic-Hotels, seinem Wohnzimmer, wie er sagt. Veronica Ferres huscht durch die Halle und Mario Adorf checkt gerade ein. Udo Lindenberg runzelt die Stirn und lässt die Hutkrempe vor der Sonnenbrille auf und ab hüpfen. "Wir garantieren richtig gutes Entertainment", sagt er und meint die aktuelle Tournee, "schließlich sind wir nicht von der Firma `Tief Betroffen`. Lieber mal leicht bekifft und leicht besoffen, als dauernd schwer bedrückt. Das ist eine Supershow, aber nicht nach amerikanischem Muster. Ein bisschen Freestyle auf der Bühne muß schon sein."
Eine ältere Dame nähert sich schüchtern und bittet um ein Autogramm. "Für Ihre Tochter?" fragt Udo. "Nein," lacht sie, "für mich." Während er in das dargereichte Notizbuch kritzelt, gesteht sie ihm, wie phantastisch er immer noch aussehe. Udo lächelt und verschwindet für einen Moment an den Kamin, um in Ruhe zu telefonieren. Dabei rutscht er soweit in die Polster eines Sessels, dass nur noch der Hut über die Rückenlehne ragt.
Ich kenne Udo Lindenberg seit mehr als zwanzig Jahren. Nicht gut, aber auch nicht schlecht. Wir sind uns zu vorgerückter Stunde immer mal wieder in gähnend leeren Bars begegnet – meist standen wir bei einem letzten Tequilla wortlos nebeneinander, zwei Melancholiker, die in grober Selbstüberschätzung das Gewicht der Welt auf ihre Schultern geladen hatten und nun unfähig waren, dem neuen Tag ins Auge zu blicken. Wir hatten aber auch beruflich miteinander zu tun. Bei diesen Gelegenheiten lernten wir uns von der disziplinierten Seite kennen. Daraus ist Sympathie und Respekt erwachsen, weit entfernt von jeder Kumpanei.
Eine Marotte geriet zum Markenzeichen
Da sitzt sie also unterm Hut, die alte Nöle. Niemand außer Joseph Beuys hat sein öffentliches Erscheinungsbild über Jahre hinweg derart konsequent stilisiert. Eine Marotte geriet zum Markenzeichen und bewehrte sich gleichzeitig als Schutzschild. Schon in den siebziger Jahren, als Robert Lemke die Nation noch beim heiteren Beruferaten vor dem Bildschirm versammeln konnte, muss Udo geahnt haben, welche gewaltigen und zerstörerischen Zähne der Medienmaschine eines Tages wachsen würden. Inzwischen sind sie ihr gewachsen. Die Medien sind zum Haifisch der Entertainmentgesellschaft geworden, sie machen Stars und sie zerstören Stars. Und das in immer kürzer werdenden Abständen, ganz wie der schnelle Markt es verlangt.
An dem Mann mit dem Hut aber haben sie sich übernommen. Selbst als sie ihn nach einem Gelage mit dem verstorbenen Harald Juhnke hier in der Atlantic-Bar zum Buhmann der Nation stempelten, weil der Altmeister des Kampftrinkens anschließend kollabierte, zielte die Attacke ins Leere. Udo konterte den Vorwurf, er sei mit der Schwäche eines Alkoholkranken nicht verantwortungsvoll genug umgegangen, auf seine Weise: "Man kann doch jemanden, der gerade einen gekonnten Absturz inszeniert, nicht in die Parade fahren", gab er zu Protokoll. Mittlerweile scheinen die Medien mit dem unverwüstlichen Popstar ihren Frieden geschlossen zu haben. Mittlerweile ist es schon eine Schlagzeile wert, wenn er in der Öffentlichkeit die Sonnenbrille abnimmt. Das tut er laut Bild-Zeitung nämlich nur alle hundert Jahre.
"Tschuldigung", sagt er, als er zurückkommt, "hat ein bisschen länger gedauert." Er nimmt die Sonnenbrille von der Nase. Der Erfolg seines neuen Albums „Stark wie zwei“ hat ihm gut getan, das sieht man, auch wenn dieser Erolg für ihn völlig überraschend kam. Aber Udo Lindenberg ist erfahren und uneitel genug, um sich davon nicht blenden zu lassen. Er ist ein politisch denkender Mensch und er weiß um die Zerreißprobe, der unsere Gesellschaft ausgesetzt sein wird, wenn im Zuge der weltweiten Finanzkrise die Arbeitslosigkeit - wie allseits prognostiziert - zunehmen wird. Er weiß, wie empfänglich gerade die Deutschen für rechtsradikales Gedankengut sind.
„Selbst in dem veränderten Klima der rot-grünen Regierung hatte sich die Zahl der rechtsextremen Terrorakte verdeifacht,“ sagt er. Tatsächlich gehen Justiz und Polizei in der Regel nach wie vor sehr pfleglich mit bekennenden Neo-Nazis um. In Talkshows werfen Sozialwissenschaftler mit mildernden Umständen für marodierende Jugendbanden nur so um sich. Und an den Stammtischen wie in vielen Wohnstuben findet ein ideologischer Schulterschluss zwischen den Generationen statt, der ein Unrechtbewusstsein bei jugendlichen Neonazis gar nicht erst aufkommen lässt.
"Die braune Saat wird in sich zusammen brechen!"
Dennoch ist Udo Lindenberg sicher, dass die aufblühende braune Saat diesmal in sich zusammenbrechen wird. Was ist es, das ihn so sicher macht? Faschismus ist keine Ideologie, die sich mit dem Verstand bekämpfen ließe, Faschismus ist geballte, unkontrollierte Energie, die sich aus dem Bodensatz einer Gesellschaft entwickelt, sobald sich dort die Erkenntnis verdichtet, dass es im Leben sowieso nichts mehr zu gewinnen gibt. Die gnadenlose Leistungsgesellschaft unserer Tage produziert genügend Verlierer, die in dumpfer Reflexion ihrer Situation bereit sind, sich zu solidarisieren und die Schuld für ihr Scheitern bei anderen zu suchen. Mit bekennenden Rockkonzerten ist da wenig zu machen.
"Hardcore-Nazis kann man nicht bekehren", bestätigt Udo, "aber es gibt viele irritierte Wanderer im braunen Sumpf, denen man die Möglichkeit zum Ausstieg geben muss. Die Leute, die in Leipzig auf die Straße gegangen sind, wollten sich die Nazischeiße bestimmt nicht einhandeln. Die sind nur reichlich durcheinander zur Zeit.“ Der eigentliche Grund, warum die Nazis seiner Meinung nach auf verlorenem Posten kämpfen, liegt in der entschiedenen Haltung der deutschen Wirtschaft, die nicht noch einmal den Fehler begehen wird, dem "gesunden Volksempfinden" finanziell unter die Arme zu greifen. Die großen Unternehmen schauen längst über den Tellerand des nationalen Markts hinaus. Jede reaktionäre Bewegung in der Heimat ist Gift fürs Geschäft.
Udo Lindenberg schaut mich an. Dabei bewegt sich die Hutkrempe auf und ab, als wolle sie dem strapazierten Hirn Luft zufächern. Es ist nun dreißig Jahre her, da hatte Udo mit dem Song "Ganz egal" bereits gegen die Diffamierung von Schwulen Partei ergriffen. Er hat sich von Anfang an für seine Ideale ins Zeug gelegt. "Das ging schon los, als ich noch ein kleiner Trommler war. Damals habe ich viel mit Schwarzen gearbeitet, die mir von der Bürgerrechtsbewegung erzählten. Ich habe mir gesagt, Entertainment allein genügt nicht, man muss eine Haltung damit verbinden. Und deswegen mag ich meinen Beruf auch nach vierzig Jahren noch so richtig gern. Weil er eben mehr kann, als ein bißchen Trallala abzusondern, das die Musikindustrie der notleidenden Welt als dekoratives Sedativum um den Hals hängt."
Auf Udo Lindenbergs aktueller Tournee hat er wieder einmal die Gelegenheit, seinem Publikum, das inzwischen drei Generationen umfassen dürfte, wieder einmal seine unglaubliche Bühnenpräsenz unter Beweis zu stellen. Auf der Bühne ist er in seinem Element, da springt er an, da wirkt er betörend zeitlos.
"Ich spiele inzwischen eine ganz andere Rolle", nuschelt er, "man will ja nicht ewig die Rock`n-Roll-Ledermaus geben. Jetzt sind da auch die stillen Momente. Ich erzähle den Leuten beispielsweise, wie man sich fühlt, wenn man jahrelang in dunkles Leder gehüllt mit schwerem Schritt über diese verdammten sieben Brücken gegangen ist. Der Ballast der Unwissenheit ist endlich abgeworfen. Ich habe eine sehr gute Position, mein Image erlaubt mir praktisch alles. Da bleibt viel Raum für Phantasie, das soll auch so bleiben."
Allein und ohne Schleudergitarren
Seine Sätze klingen, als würden sie durch Nordseeschlick gezogen. "Ich war immer ein Freund großer Shows", fügt er hinzu, "aber es gibt auch Situationen, wo du allein da vorne stehst, ganz ohne Schleudergitarren. Alles was du hast ist der Text und dein Bodytalk. Es gibt Leute, die vor solchen Momenten Angst bekommen." Er lacht gequält. "Aber inzwischen habe ich einen sehr speziellen schwindeligen Tanzstil entwickelt. Er ist wesentlich graziler geworden. Anfangs war das ein ziemlich unsicheres Gezottel."
1973 war es, als das Panik Orchester in der Hamburger Musikhalle zum ersten Mal vor großem Publikum auftrat. Udo hatte in der Garderobe vor Nervosität fünfzehn Cola mit Korn getrunken. "Ich raste auf die Bühne, wo ich das Mikrofon auf einem dieser wackeligen Ständer wähnte. Leider hatte ich mich in der Entfernung vertan und rannte ins Leere. Ich fiel zu Boden und das Mikrofon schleuderte mir aus der Halterung direkt vor die Schnauze. Das wars dann wohl, dachte ich, die Karriere wurde soeben beendet. Plötzlich schrien die Leute vor Begeisterung auf, die dachten, das hätten wir geprobt!" Seit diesem Tag gehört die Mikrofonschleuderei zu seinem Standardrepertoire. "Sieben Meter neunzig sind nach wie vor locker drin", betont er stolz.
"Der Humor, den Udo besitzt, ist etwas, was ich in Deutschland noch nicht gefunden habe", sagte der Theaterregisseur Peter Zadek, nachdem sie 1979 gemeinsam an einer Rock-Revue gearbeitet hatten. "Er repräsentiert eine elektrisierende Mischung aus Naivität und Schizophrenie." Udo selbst erklärt das Phänomen Lindenberg gewohnt schlicht: "Ich bin von Beruf Udo Lindenberg!“
Dirk C. Fleck
17.10.08










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