Volker Lechtenbrink: "Kult ist ein Stück Ewigkeit"

Themenfelder:
Volker Lechtenbrink als Kindersoldat Kurt Hagen in dem Antikriegsfilm "Die Brücke".

Die Stimme Volker Lechtenbrinks macht jedes Gespräch gemütlich. Sein markanter Bass diktiert nicht nur das gemächliche Tempo der Unterhaltung, er entfaltet auch sehr schnell einen akustischen Schutzschirm gegen die Nebengeräusche des kleinen Eppendorfer Cafés, in dem wir uns verabredet haben. Lechtenbrink hat ein Faible für unspektakuläre Orte, die lediglich der Muße oder der verhaltenen Kommunikation dienen wollen. Das coole Design moderner Szenetreffs ist nicht nach seinem Geschmack.

Eigenartig, dass ich das Gesicht meines Gesprächspartners nach fünfzig Jahren noch immer in Verbindung bringen kann mit dem erbärmlich heulenden Kindersoldaten, der mir in Bernard Wickis Film „Die Brücke“ zum ersten Mal den "Krieg erklärte". Lechtenbrink weinend unterm viel zu großen Stahlhelm – das Bild verfestigte sich in der Phantasie meiner Generation zu einer Ikone des Grauens. Ich war vierzehn, ich war in seinem Alter, der Film gehörte zum Pflichtprogramm in den Schulen. Wie hat er die Dreharbeiten damals verkraftet, wie wurden er und seine Mitspieler auf derart schonungslose Szenen vorbereitet?

„Bernard Wicki hat mit jedem von uns lange Einzelgespräche geführt“, erinnert sich Lechtenbrink. „Je schwerer der nächste Drehtag war, desto mehr Zeit hat er sich genommen.“ Der Film habe sie alle sehr geprägt, gesteht er. „Jeder von uns begann plötzlich, seinen Vater zu fragen, was er eigentlich gemacht habe während der Nazizeit. Meiner war Flieger und wurde schnell verwundet. Er bezeichnete sich als Freidenker. ‘Ich gehörte keiner Kirche an und auch keiner Partei. Mein Gott, meine Partei ist allein die freie Natur.“ Lechtenbrink lacht. „Man war ja froh, wenn man einen Vater hatte, auf den man stolz sein konnte.“

Die Ärztin half bei der Kriegsdienstverweigerung

Natürlich war Volker Lechtenbrink über „Die Brücke“ zum Pazifisten geworden. Ende der fünfziger Jahre aber befand noch eine Gewissenskommission über die moralischen Gründe derjenigen, die sich dem Dienst an der Waffe versagten. Volker Lechtenbrink wurde als Kriegdienstverweigerer nicht anerkannt. Danach spielte er in Hannover in dem Tolstoi-Stück „Und das Licht scheint in der Finsternis“ die Figur des Antimilitaristen Boris, der aufgrund seiner Überzeugung derart schikaniert wird, dass er sich das Leben nimmt.

„Einen Tag nach der Premiere stand die vierte Nachmusterung an“, erinnert sich Lechtenbrink. „Die Ärztin, die mich untersuchen sollte, erkannte mich. ‘Was Sie da gestern im Landestheater gespielt haben, ist das auch Ihre private Meinung?’ - `Haargenau, antwortete ich. `- ‘Dann legen Sie sich mal auf den Tisch, das Bein so und den Arm so ...’ Die Röntgenfotos nahm ich mit zur Musterung. Die guckten mich nur an und sagten: ‘Vielen Dank, untauglich.’ Die Ärztin hatte mich so geschickt verbogen, dass mich keine Armee der Welt genommen hätte!“

Gut für ihn. So konnte er in Hannover weiter Theater spielen. Damals hatte Kurt Erhard ein Ensemble rekrutiert, das noch heute seinesgleichen sucht. Heinz Bennent, Günther Neutze, Hans Lothar, Günther Strack – „ein Gigangt nach dem anderen“. Volker Lechtenbrink gerät ins schwärmen, wenn er an diese Hoch-Zeit des deutschen Theaters denkt, welche die Republik damals flächendeckend mit höchster Qualität belieferte. „Hilpert arbeitete nebenan in Göttingen, Gründgens in Hamburg, Struck in Düsseldorf, Schaller in Bochum, Barlog in Berlin. Und ich mit neunzehn mittendrin ...“ Was nicht immer einfach war als junger Spund. In „König Lear“ spielte er den Massenmörder Edmund. Trotz seiner Stupsnase. „Ich trug Perücke und war bis zur Unkenntlichkeit geschminkt. Aber kaum kam ich auf die Bühne, raunte es im Publikum: ‘Gott, ist der süss’. Das war mein erstes Erlebnis mit einem richtig bösen Shakespeare.“

"Ich bin quotenmäßig zu alt"

Der süße Lechtenbrink – er mag ihn lange verfolgt haben. Aber vor kurzem sah ich ihn zufällig in einer Krimi-Serie im Fernsehen. Er spielte einen Arzt und der Kommissar begehrte natürlich zu wissen, was er gestern zwischen ein und zwei Uhr nachts gemacht habe. Es war nur ein Kurzauftritt, aber selbst der genügte, um mit reduziertem Minenspiel professionelle Akzente zu setzen. Helfen wird ihm das wenig. Sechzigjährige kommen in den Drehbüchern der elektronischen Medienmaschine kaum noch vor. „Ich bin quotenmäßig zu alt“, sagt er lächelnd, als habe er die TV-Pfründe längst abgeschrieben. „Vielleicht entdeckt man ja doch noch irgendwann, dass die jungen Leute gelegentlich auch Väter haben...“

Volker Lechtenbrink hat nichts gegen TV-Serien, er hat nur etwas gegen blutleere Unterhaltung. Er ist fest davon überzeugt, dass allein die gut erzählten Geschichten ein Publikum wirklich zu amüsieren oder zu fesseln vermögen. „Denken Sie an die Serie ‘Emergency-Room’, die Steven Spielberg ins Leben gerufen hat. Das ist eine Arzt-Serie, die packt. So kann man es eben auch machen.“

Volker Lechtenbrink ist ein Freund des Boulevardtheaters - eine Gattung, die nicht unterzukriegen ist. In der man freier, inspirierter und spritziger agieren könnte als irgendwo sonst, wenn sie denn endlich aufhören würde, sich als altersschwache Witzmaschine für Rentner zu definieren. „Der Versuch, einem überalterten Publikum fünfzehn kalkulierte Lacher pro Stunde abzuringen, ist alles andere als komisch. Das funktioniert allenfalls auf plattdeutsch. Aber leider mangelt es dem Boulevard an guten Autoren.“

Gute Autoren, das weiß Lechtenbrink auch, werden kaum fürs Theater schreiben, wenn das Fernsehen für weniger Hirnschmalz das Zehnfache an Honorar bietet. Also wird er wohl weiter in den Komödien-Häusern der Republik mit den komischen Klassikern von Moliere, Shakespeare, Curt Goetz und Neill Simon auftreten müssen, wenn er sich den speziellen Kitzel bewahren möchte, der dem Schauspieler aus dem Dialog mit einem gut unterhaltenen Publikum erwächst.

"Der Macher" machte ihn zum Popstar

Was aber ist mit seiner Singerei? Volker Lechtenbrink war zwischendurch eine ziemlich markante Stimme auf dem deutschen Musikmarkt, bis er plötzlich das Mikro aus der Hand legte. „Ich hatte keine Lust mehr“, sagt er schlicht. „Aber merkwürdig, dass Sie das ansprechen. Viele Leute raten mir, wieder anzufangen damit. Aber ich höre nicht auf Marktstrategen, ich höre auf mich. Falls ich eines Tages wieder Geschichten erzählen möchte, die man singen kann, dann tue ich das. Leute mit Charisma haben eine gute Chance in unserer seelenlosen Unterhaltungsindustrie. “ Er bekommt einen herrlich breiten Mund....

Erfolg ist nicht kalkulierbar, also braucht man auf ihn auch nicht zu setzen. Das ist Volker Lechtenbrinks Credo. „Heute ist ja alles Kult,“ sagt er und schaut mich amüsiert an. „Wenn es jemand schafft, seine Belanglosigkeiten drei- oder viermal hintereinander publik zu machen, ist das heute schon Kult“. Eine solche Sprachverdrehung macht er nicht mit, schon aus Orientierungsgründen nicht. „Ein Kult bildet sich in Jahrzehnten heran“, rückt er die Maßstäbe zurecht, „Kult ist ein Stück Ewigkeit, eine epochale Korsettstange. Ein so schönes Wort schmeißt man nicht in die Abfalleimer des Zeitgeistes.“

Volker Lechtenbrink reibt sich nicht an den Phänomenen unserer hochtourigen Leistungsgesellschaft. Der Mann ist „dreimal glücklich geschieden“ und zum viertenmal verheiratet, er lebt ein erfülltes Leben unter Freunden. Und als alter Kinofan, der aufgrund seiner eigenen Biographie die Arbeit vor der Kamera bestens zu deuten versteht, hat er sich über das erfolgreichste Genre unseres Jahrhunderts seine Meinung gebildet. Anthony Hopkins, Al Pacino, Ben Kingsley – das sind seine Heroen. An ihnen schätzt er vor allem, dass sie sich nicht verleugnen als Persönlichkeit, dass sie jeder Rolle ihren eigenen Stempel aufzudrücken verstehen. „Es gibt Schauspieler, die so tief in eine Rolle schlüpfen, dass sie wie eine zweite Haut sitzt. Robert de Niro zum Beispiel. Aber wenn ich ‘Heat’ sehe mit Robert de Niro und Al Pacino, dann ist es Al Pacino der mich fasziniert. Er bleibt immer Al Pacino. Was Al Pacino mir zu sagen hat, berührt mich wirklich.“

Volker hört die Signale

Auch Volker Lechtenbrink bleibt in erster Linie Volker Lechtenbrink. Es ist angenehm, mit ihm zu plaudern. Er schaut aus dem Fenster. Auf der anderen Straßenseite stand einst das Onkel Pö. „Das war Kult“ sagt er in Erinnerung an die lockeren Abende mit Otto, Udo, der Rentnerband, Hannes Wader und anderen.

Seine Worte haben nichts Bitteres. Ich denke daran, dass er bereits mit acht Jahren im Kinderfunk des NDR zu hören war, dass er mit zehn Jahren auf der Bühne des Schauspielhauses stand. Sein ganzes Leben hat er sich in diversen Rollen veräußert. Wer so frühzeitig seine Bestimmung fand, wird nicht plötzlich satt an dem, was er tut. Er spricht zwar nicht darüber, aber irgendwie kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, als warte er auf eine Herausforderung, die all das zum tragen bringt, was sich an schauspielerischer Potenz in ihm über die Jahre angesammelt hat. Aber die Fähigkeit alleine reicht nicht, das weiß er. Die Umstände müssen stimmen, die Zeit muss reif sein für einen großen Auftritt. Volker hört die Signale. Kriegt er die Chance, oder muss er damit zufrieden sein, dass er sich als weinender Kindersoldat unvergesslich in Szene gesetzt hat?

Dirk C. Fleck
17.3.09

 

Zur Person
Volker Lechtenbrink wurde 1944 in Ostpreußen geboren. Er wuchs in Bremen und Hamburg auf und wurde  als Fünfzehnjähriger in der Rolle des Kurt Hagen in Bernhard Wickis Antikriegsfilm „Die Brücke“ bundesweit bekannt. Vier Jahre später gab er an der Landesbühne Hannover sein Theaterdebut. Es folgten Engagements an den Bühnen der Stadt Köln und am Bayerischen Staatsschauspiel München. Von 1969 bis 1983 war er am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg verpflichtet, wo er auch Regie führte. 1976 stellte Lechtenbrink seine viel beachtete erste Langspielplatte „Der Macher“ vor. Es folgten zahlreiche weitere Platten und Konzerttourneen, die Lechtenbrink in der deutschen Popszene etablierten. Von 1995 bis 1997 war er Intendant der Bad Hersfelder Festspiele. Zwischendurch trat er in zahlreichen Fernsehfilmen- und serien auf, unter anderem „Der Kommissar“, „Der eiserne Gustav“, „Derrick“ und „Der Alte“. Ab November 2006 stand Lechtenbrink im Ernst-Deutsch-Theater, dessen Intendant er zuvor gewesen war, zum ersten Mal mit seiner jüngsten Tochter Sophie auf der Bühne – in dem Stück „Dr.med. Hiob Praetorius“ von Curt Goetz. Volker Lechtenbrink lebt in Hamburg.


Themenfelder

 stadt   kultur   sport   politik   gesellschaft   umwelt   leute   wirtschaft   st. pauli   hsv   erotik   video 

Der g-m-h-Briefkasten

Ärger mit den Behörden? Verdacht auf Korruption? Hinweise auf Umwelt- verschmutzung? Informieren Sie uns!
Wenn erwünscht auch anonym.
Wir gehen Ihren Informationen nach

Einwurf

Das "Alsterhaus"
mehr...

Alles Theater

Der andere Mensch
mehr...

Meine Stadt

Liebeserklärungen
mehr...

Zitat der Woche


"Menschen mit einer neuen Idee gelten so lange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat."


Mark Twain (1835 - 1910), amerikanischer Schriftsteller

Video

Traumbilder

Hamburgs schönste Bildergalerie
mehr...

Erotik-Kunst

Hamburg Heute - 20.04.2014

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter, wenn Sie über neue Beiträge automatisch informiert werden möchten.



UNSERE PARTNER...